Heftthema
". . . bei mir bistdu scheyn . . ."
Kennen Sie dieses Lied? Bestimmt. Hören Sie mal hier . . .
Liebe Leserin, lieber Leser!

Haben Sie jetzt auch einen Ohrwurm bekommen? Das passt gut.
Denn Gott geht vermutlich davon aus, dass wir das nicht genug hören können.
Bei mir bistdu scheyn, ist für mich die Zusammenfassung der reformatorischen Botschaft: du bist von Gott angenommen, ohne selbst dazu etwas beitragen zu müssen oder zu können.
Claudia Roloff, Pfarrerin
Bei mir bistdu scheyn. So spricht, singt, flüstert Gott mir zu. Und ist dabei über jeden Zweifel erhaben, da kann ich auch noch so sehr mit meinen Zweifeln dagegen halten.

Tatsächlich geht es bei allem Erinnern und Bedenken des Reformationsgeschehens vor 500 Jahren, das wir in der Evangelischen Kirche in diesem Jahr treiben, am Ende darum, wie das gehört werden konnte und heute gehört werden kann, Gottes Zusage: bei mir bist du scheyn. Dazu braucht es keinen religiösen Tauschhandel (Ablass, fromme Rituale) und keine besondere Vermittlung (Heilige, Priester), diese Botschaft dringt an unser Ohr und bewahrt uns vor Selbst-Überschätzung und Minderwertigkeitskomplexen gleichermaßen. Damals wie heute.
Schon bevor ich in den Spiegel schaue und mir ein Urteil über mich selbst bilde hat Gott entschieden: bei mir bistdu scheyn. Und wenn ich mich umschaue und verwirrt werde von all den unterschiedlichen Menschen, die aus den verschiedenen Himmelsrichtungen kommen oder schon vor mir hier waren und die so verschiedenes denken, glauben und können, dann hilft es mir, wenn ich den Ohrwurm höre. Dann höre ich, wie Gott auch all den anderen singt, flüstert und zuspricht: bei mir bistdu scheyn. Ich muss das nicht selbst singen können, Gott singt es für alle von uns.
In diesem Heft finden Sie - unter anderem - etliche Angebote, das Geschehen vor 500 Jahren besser verstehen zu lernen. Sie sind am Luther-Emblem zu erkennen. Ich bin gespannt, wie und wo Sie dieses bei mir bistu scheyn dabei entdecken. Falls Sie es uns mitteilen wollen, schreiben Sie doch an die EEB! Meine Kolleg*innen und ich sind gespannt darauf.
All die Veranstaltungen, die wir Ihnen hier nahelegen, sind nur eine Auswahl. In unseren Gemeinden wird auch bei Redaktionsschluss noch kräftig geplant und vorbereitet. Einen aktuellen Überblick finden Sie auf der homepage des Kirchenbezirks (www.evangelische-ortenau.de).

Wir freuen uns, wenn etwas in diesem Angebot für Sie dabei ist – wenn Sie dabei sind.
Und wir freuen uns mit Ihnen über alles, das Sie an sich und der Welt neues entdecken.
Seien Sie dabei von Gott behütet!
Und aus Der EEB herzlich gegrüßt von Claudia Roloff
 
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"Du bist eine Schönheitskönigin!" -
"Du bist ein Schönheitskönig!"
. . . so einfach können wir die Grundbotschaft der Reformation zusammenfassen. Martin Luther formuliert diese Grundeinsicht in einem wunderbaren Satz aus der Heidelberger Disputation. Er sagt: "Der Sünder wird nicht geliebt, weil er schön ist, sondern er ist schön, weil er geliebt wird". Vor vielen Jahren hat das einmal eine Schülerin aus einer 5. Klasse so kommentiert: "Eine Mutter wird ihr Kind immer schön finden, weil sie es liebt." Das kleine Mädchen und der große Theologe liegen ganz nah beieinander. Wir können das Bild von der Schönheitskönigin noch weiterspinnen. Die Gnade, die Liebe Gottes sind die Kosmetikartikel, die uns schön machen. Diese Kosmetiksachen können wir nicht im Drogeriemarkt kaufen. Wir können sie nirgends kaufen, sie werden uns gratis gegeben.
Eine großen Drogeriemarktkette hatte lange Zeit den Werbespruch „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein". Dieser Werbespruch ist bei Goethe geklaut und leicht verändert. In Goethes Faust heißt es beim Osterspaziergang: "hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein". Wir klauen nun auch bei Goethe und ändern leicht für einen Werbespruch im Kosmetiksalon Gottes: "hier bin ich Mensch, hier leb ich frei." Und wenn wir morgens vor dem Spiegel stehen, dann können wir sagen. "Ich bin eine Schönheit und die paar Fältchen, das sind nur Lachfalten aus Freude darüber, dass Gott mich mit seiner Liebe schön macht."
So einfach ist das mit der Reformation.
Hans-Georg Dietrich
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"Augenblick"
"Bei mir bist du scheen." Ein jiddisches Liebeslied, das ich hörte, erklingt in mir.
Als Gefängnisseelsorger arbeite ich in einem Bereich, der funktional ist, zweckmäßig und vieles andere mehr, aber bestimmt ist dieser Bereich nicht schön.
Es gibt keine Blumen, es ist oft laut, Lautsprecher unterbrechen Gespräche, die Luft könnte besser sein.
Auch die Lebensgeschichten hier enthalten vieles was unschön ist, manchmal unglaublich, erschütternd, ja hässlich.
Und doch gibt es diese Momente, wo in den Menschen hier ein Lied erklingt, wie ein Liebenslied.
Ich denke an den alten Gefangenen, der im Weihnachtsgottesdienst in der realistisch großen Krippe das Jesuskind mit äußerster Sorgfalt im Stroh bettete, das Christuskind bedeckte, in großem Ernst und mit aller Ruhe mit 50 Gefangenen im Hintergrund stand er da mit seinem Rollator und zupfte und deckte und war in diesem Moment ganz bei dem Kind und ganz bei sich.
Ich glaube, dass auch in diesem Moment Gott da war, in seinem gezeichnete Gesicht, in diesem Moment war etwas von der Schönheit dieses Menschen deutlich und von der Schönheit Gottes des Schöpfers.
Ich glaube dass die Schönheit etwas mit der Würde gemeinsam hat.
Wer mit dem anderen verbunden ist oder weiß, dass es da unabhängig von mir eine Verbindung des Schöpfers zum anderen gibt, der kann sowohl dessen Schönheit als auch dessen Würde erkennen, zumindest ein Stück weit, einen Augenblick lang.
Diese Schönheit und Würde erklingt dann wie ein Lied.
Schönheit und Würde haben also auch etwas mit der Betrachterin und mit dem Betrachter zu tun, mit mir selbst.
Pfarrer Igor Lindner, JVA Offenburg, Gefängnisseelsorger
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"Ein Segen"
In deinen Augen kann ich schöner werden als ich bin.

In deinen Händen kann ich stärker werden als ich bin.

In deinen Armen kann ich freier werden als ich bin

In deinem Wesen kann ich stiller werden als ich bin

In deinen Worten kann ich reifer werden als ich bin,

ein Segen, ein Segen.
Ein Segen
Friedrich Karl Barth, Peter Janssens Musik Verlag, Telgte
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"Schau nach innen, schau nach außen -
und entscheide dann."
Wenn Menschen sich für einen Kurs in Themenzentrierter Interaktion (TZI) interessieren, dann ist ein wesentliches Motiv, die Kompetenz im Führen und Leiten zu stärken und zu entwickeln. Fragen sind etwa: Wie leite ich ein Team, eine Gruppe? Wie fördere ich Eigeninitiative, wie kann ich Ressourcen nutzen? Oft schon am zweiten Kurstag verändert sich das. Nun kommen Fragen wie diese: Wie leite ich mich selbst? Wovon lasse ich mich leiten? Wie kann ich gut für mich sorgen und zugleich verantwortlich handeln?

Einer der förderlichen Impulse dabei ist: "Schau nach innen, schau nach außen - und entscheide dann." Ruth C. Cohn (1912 – 2010), die Begründerin der TZI, sagt damit: Sieh auf Deine Empfindungen, Deine Gefühlswelt, Deine Gedanken, Deine Absichten, nimm sie ernst. Sieh auch nach außen, wer dir begegnet, mit wem du es zu tun hast, welche Aufgaben anstehen - und dann entscheide, nicht was du solltest oder was du denkst, dass man von dir erwartet, sondern was in dieser oder jener Situation angemessen ist zu tun, was du tun willst.

Das Schöne und Gute an dieser Art, zu Entscheidungen zu finden, ist, dass ich immer dreierlei im Blick habe: mich selbst mit meinem Bedürfnis, ganz eigen zu sein, mit meinem Wunsch, zugehörig zu andern zu sein, und meinem und deinem Wollen, Aufgaben anzunehmen, Leben und Welt gemeinsam zu gestalten. Das ist nicht immer einfach, auch nicht konfliktfrei, aber verheißungsvoll. Ruth C. Cohn sagt: Der Mensch ist gleichermaßen autonom, also selbständig und eigenverantwortlich, und er ist interdependent, also abhängig von Faktoren, die er kaum oder gar nicht beeinflussen kann. Und mehr noch: Je klarer ich meiner Abhängigkeiten bewusst bin, sie anerkenne, desto stärker erlebe ich meine Eigenständigkeit, desto freier bin ich.

Der emanzipatorische Impetus ist unverkennbar, die Eröffnung von Spielräumen verlockend und bereichernd. Allerdings: Nichts für "Ichlinge". Denn unüberhörbar ist eben auch das andere: Ich bin Ich, indem ich eingebunden bin, mich einbinden lasse in ein Du, in ein Wir, in was uns aufgegeben ist zu tun. Sich darüber zu verständigen ist nicht immer einfach und gehört zum anspruchsvollen im Privaten wie im Gestalten unserer Demokratie. Alfred Grosser schreibt dieser Tage in einem Essay: "Die Freiheit des Kindes ist etwas, das errungen werden muss durch eine Beeinflussung, die die Freiheit begrenzt. Das nennt man Erziehung . . ." Im Erwachsenenalter ist das nicht viel anders. Wer sich auf einen Lern- und Übungsweg im Spiel von Autonomie und Interdependenz einlässt, wird die Erfahrung machen, dass das Bewusstsein des eigenen Freiseins wächst: Leben wird sinniger und sinnlicher, der Raum weitet sich - und in der Anerkennung der Freiheit des andern gewinnt er an Schönheit.
Michael Lipps
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"Martin Luther soll gesagt haben:"
Und wenn ich wüsste, das morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

Was morgen ist, ist erst morgen - nicht heute. Und was heute ist, ist doch reich und kostbar; Und die Weisheit besteht darin, mich am Jetzt und Hier zu erfreuen. Als wir noch Kinder waren, konnten wir die Zukunft kaum erwarten. Wann ist endlich der Geburtstag da, wann ist endlich Heilig Abend und die Bescherung?

Mit zunehmendem Alter schauen viele von uns sorgenvoll in die Zukunft: Wie geht es mit der Rente weiter? was wird mal aus meiner Gesundheit? Manche schauen nur noch auf das, was hinter ihnen liegt und sie haben dadurch keine Kraft mehr für die Gegenwart und schon gar nicht für die Zukunft. Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.

Lebe jetzt und lebe hier! Schau nicht permanent auf morgen, freu dich am Heute. Hier ist der Schatz des Tages, der Reichtum dieser Stunden, hier ist die Freude, die Gott uns jetzt und an jedem weiteren Tag anbietet.

Sag nicht: ich bin zu alt um noch ein Apfelbäumchen zu pflanzen! Sag nicht: mein Leben ist gelebt, was lohnt sich denn noch? Sag nicht: was habe ich noch zu erwarten? Pflanz dein Apfelbäumchen. Tu einfach das, was jetzt gut ist und richtig und schön. Pflanze ein kleines Freudenbäumchen in deinen Tag. Und ein Trostbäumchen für den Nachbarn auch. Sorge nicht, was daraus werden kann-Gott wird das Bäumchen schon wachsen lassen. Gott denkt an uns an jedem Tag, Gott segnet uns jeden Tag den wir erleben. Das sagt uns die Bibel und das meint auch Martin Luther.
Erich Sorge, nach Gedanken von Lars Pruessner-wordpress.com
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"Ich bin gut *Ich bin ganz *Ich bin schön -
ein etwas anderes Glaubensbekenntnis"
Kaum eine andere Botschaft hat mich wohl so nachhaltig geprägt wie diese ermutigenden drei Zusagen aus dem Mund der bis zu ihrem Tod vor ein paar Monaten in Tübingen lebenden feministischen Theologin Elisabeth Moltmann- Wendel. Sie hat dieses etwas andere Glaubensbekenntnis 1980 bei einer Tagung mit jungen Pfarrerinnen nach einer schlaflosen Nacht für die an sich zweifelnden und von Schuldgefühlen geplagten Frauen formuliert und dabei alles hinein gepackt, was ihr biblisch und theologisch die Gewissheit gab, dass es die allein die LIEBE ist, die uns in unserer ganzen Unvollkommenheit anzunehmen vermag. In ihrer Sprache heißt das: "Ich bin gut, ich bin ganz, ich bin schön.
Ich bin gut, weil ich so, wie ich bin, aus Gottes Händen komme.
Ich bin ganz, weil ich mich zu meiner Leiblichkeit, aber auch zu meinen Sinnen, meinen Gefühlen und Konflikten bekenne. Wer ganz ist, muss nicht perfekt sein.
Ich bin schön, weil Gottes Blick auf mich ein liebender Blick ist, der gerade rückt, was an mir krumm ist."
In ganz unterschiedlichen Situationen klingen diese drei wagemutigen Zusagen immer wieder in mir nach - in Momenten besonderer Verunsicherung und in Augenblicken tief empfundenen Glücks und grenzenloser Liebe. Sie inspirieren mich auch nachhaltig in meiner Arbeit - der psychotherapeutischen Begleitung von Männern und Frauen - und lassen mich manchmal die Kraft dieser kostbaren Spiegelung erleben.
* Heidi Mossbrugger-Hoffmann, Theologin und Psychotherapeutin
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